Regionales

Kommende Veranstaltungen

Anscheinend ist der Bau der zweiten Ostseepipeline nicht mehr aufzuhalten. Doch Klimaanalysten warnen: "Nord Stream 2" wird entweder ein Sargnagel für den Paris-Vertrag oder ein riesiges Verlustprojekt. Umweltverbände haben auch die Naturzerstörung im Blick – und rufen zu Unterschriften unter einen Protestbrief an die Groko-Parteichefs auf.

Soeben hat die Genehmigungsbehörde grünes Licht gegeben: Die ersten 55 Kilometer der Ostseepipeline Nord Stream 2 dürfen gebaut werden. Mitte Mai sollen bei Greifswald die Baggerarbeiten beginnen. Der russische Staatskonzern Gazprom zeigt sich zuversichtlich, auch die anderen Genehmigungen zu erhalten. Doch das Projekt stößt auf immer mehr Widerstand.

OstseepipelineSchon bei der ersten, 2011 eröffneten Ostseepipeline gab es Proteste. Inzwischen hat die Welt ein schärferes Klimaziel beschlossen. (Foto: Nord Stream)

Nicht nur die EU-Kommission sowie Dänemark und mehrere osteuropäische Staaten kritisieren das derzeit größte energiepolitische Vorhaben in der Europäischen Union, auch Umwelt- und Klimaschützer sprechen sich vehement dagegen aus.

Der Potsdamer Klimaforscher Niklas Höhne vom New Climate Institute und viele seiner Kollegen sind sogar sicher, dass die Erdgasleitung das Pariser Klimaabkommen verletzt. Gas sei keine Brückentechnologie zur Energiewende, auch wenn das immer wieder behauptet werde, sagt Höhne. Im Gegenteilzementiere die Pipeline auf Jahrzehnte die Versorgung mit fossilen Energien.

Tatsächlich hat die Gazprom-Tochter Nord Stream 2 AG die Pipeline-Genehmigung für 50 Jahre beantragt. Laut Paris-Vertrag muss die Welt aber schon in 30 Jahren aus der Verbrennung fossiler Energieträger ausgestiegen sein – nicht nur von Kohle und Öl, sondern auch Gas.

"Die Überschätzung des Bedarfs an neuer Erdgas-Infrastruktur führt entweder dazu, dass viel zu lange klimaschädliches Gas verbrannt wird, oder es führt zu vielen sich nicht amortisierenden Anlagen", sagt Andrzej Ancygier vom Berliner Institut Climate Analytics. Der Wissenschaftler ist Mitautor einer Studie, die zeigt, dass große Erdgasprojekte in Europa die Weichen in die falsche Richtung stellen.

Kampagne gegen Nord Stream 2Mitten durch Schutzgebiete

Auch Naturschutzverbände in den Ostseestaaten kritisieren das Projekt vehement. Der Naturschutzbund Deutschland (Nabu) und die Artenschutzstiftung WWF sehen Schutzgebiete, durch die die Pipeline verläuft, in Gefahr und warnen, die selten gewordenen Schweinswale und andere Arten könnten durch den Bau beeinträchtigt werden. "Durch die Pipeline werden zudem jede Menge Sedimente freigesetzt, in denen auch Ablagerungen von Dünger enthalten sind, die das Wasser verschmutzen könnten", kritisiert Jochen Lamp vom WWF-Ostseebüro in Stralsund.

In Russland wird die Pipeline auch an der Küste mitten durch ein Schutzgebietgebaut, mit Genehmigung der Behörden. "Die Gutachten waren fingiert und die Wissenschaftler von Nord Stream bezahlt", sagt Michail Durkin von der Coalition Clean Baltic, einem internationalen Bündnis zahlreicher Umweltorganisationen. Bei Greenpeace Russland verweist man zur Erklärung auf die guten Beziehungen zwischen Gazprom und der russischen Regierung. 

Naturschutzbund und WWF haben eine Kampagne gegen Nord Stream 2 gestartet. (Karikatur: NABU)

In Deutschland mobilisieren Nabu und WWF jetzt die Öffentlichkeit – mit einer Petition an die drei Parteichefs der angehenden großen Koalition, Angela Merkel, Martin Schulz und Horst Seehofer. "Wider besseres Wissen flankiert die deutsche Politik ein Projekt, das die Verpflichtungen des Pariser Klimaschutzübereinkommens und des Schutzgebietsnetzes Natura 2000gefährdet, und fördert so die Politikverdrossenheit der Menschen", warnen die Naturschutzverbände.