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Der Träger des alternativen Nobelpreises Nnimmo Bassey über Erderwärmung und falschen Techno-Optimismus.

Nnimmo Bassey: „Industrie und Politik scheinen sich nicht um die langfristigen, möglicherweise irreversiblen Folgen zu scheren.“

Ende des Jahres treffen sich die politischen Führungen aus aller Welt in Polen zur UN-Weltklimakonferenz COP24. Rund zwei Jahre nach dem Abkommen von Paris und ein Jahr nach Trumps Ausstieg daraus richtet sich das Augenmerk vor allem darauf, inwieweit Europa in der Lage ist, den Kampf gegen die Erderwärmung anzuführen und ehrgeizige Ziele zur Emissionssenkung festzulegen. Derzeit reduziert kein einziges europäisches Land seinen Kohlendioxidausstoß in dem Maße, wie es im Abkommen von Paris vorgesehen ist. 

Glauben Sie, dass Europa weltweiter Vorreiter in Sachen Klimaschutz sein kann?

Die Frage wäre zu bejahen, wenn Europa sich entscheiden würde, zu einem Vorreiter zu werden. Im Augenblick spielen die gefährdeten armen Gemeinschaften und Länder, die alles in ihrer Macht stehende tun, um den Folgen der Erderwärmung standzuhalten, die Vorreiterrolle. Aber aus historischen Gründen und aufgrund der aktuellen Gegebenheiten gibt es Spielraum für Europa, die Ziele höher zu stecken und die Emissionen direkt an der Quelle zu reduzieren, statt die falschen Mechanismen für Ausgleichszahlungen zu nutzen, die gerade eingerichtet werden.

Was könnte zur Unterstützung der angesprochenen gefährdeten Gemeinschaften, insbesondere der im sogenannten Globalen Süden, getan werden?

Zuallererst müssten die Emission in den Industrieländern gestoppt werden. Das ist das Wichtigste, denn das würde entscheidende Auswirkungen auf das globale Klima haben. Dann wären die Herausforderungen für die gefährdeten Nationen und Territorien nicht mehr ganz so groß.

Zweitens sollte Europa mehr Klimafinanzierung bereitstellen. Die Mittel sind da. Es bedarf lediglich der politischen Entscheidung, sie dafür zu verwenden, die Widerstandsfähigkeit dieser Territorien zu erhöhen. Je widerstandsfähiger die Gemeinschaften oder Nationen sind, desto mehr verbessern sich die wirtschaftlichen und politischen Verhältnisse.

Und: Je mehr Frieden und Solidarwirtschaft in der Welt herrschen, desto mehr verringern sich die Probleme, mit denen einzelne Länder, darunter auch einige in Europa, konfrontiert sind.

Der Mangel an Leidenschaft bei der Bekämpfung der Erderwärmung ist den Eigeninteressen der Industrie zuzuschreiben, für die Politiker lediglich die Schuhputzer sind.

In einem Artikel von 2016 für das IPG-Journal argumentierten Sie: „Afrika steckt in einer Tretmühle, die ‘Klimakonferenzen’ heißt, und diese Klimakonferenzen werden von einem petro-militärischen Komplex angetrieben.“ Sind Sie mit Blick auf die anstehende Weltklimakonferenz COP24 der Meinung, dass Ihre Einschätzung auch im Jahr 2018 noch zutrifft?

Meines Erachtens haben sich die Gepflogenheiten der Konferenzen nicht verändert, sodass Afrika nach wie vor in dieser Tretmühle steckt. Aber das muss nicht so bleiben. Das Abkommen von Paris gab den Ländern Anstöße für Maßnahmen, zwang sie aber nicht zu Maßnahmen. Und deshalb leitet niemand angemessene Schritte in die Wege. Stattdessen werden Versprechungen abgegeben, die nicht einmal dann etwas Positives bewirken, wenn sie erfüllt würden.

Ein durchschnittlicher globaler Temperaturanstieg von zwei Grad würde für Afrika im Durchschnitt etwa drei Grad bedeuten. Wenn wir also über zwei Grad sprechen, als wären sie gerade noch verkraftbar, sprechen wir im Grunde über einen katastrophalen Temperaturanstieg für einige Regionen der Welt. Aber die COP verschließt immer noch die Augen vor den Realitäten.

Welche Rolle könnte die afrikanische Gruppe Ihrer Meinung nach auf der COP24 spielen? Glauben Sie, sie könnte ernsthaft Druck ausüben, um verbindliche Zusagen durchzusetzen?

Mit der Einführung des Systems der freiwilligen Emissionsreduzierung auf der COP15 von 2009 war die Sache für uns verloren. Wir müssen zu dem verbindlichen System zurückkehren, bei dem die Emissionsquoten nach wissenschaftlichen Anforderungen festgelegt werden. Die afrikanischen Länder können das aus sehr triftigen Gründen fordern: Sie selbst können die benötigten Emissionsminderungen nicht erreichen, da ihr Anteil am globalen Ausstoß vernachlässigbar ist.

Die großen Emittenten könnten die von der Wissenschaft geforderten Emissionsreduzierungen zuwege bringen. Aber die reichen Länder sind dem Irrglauben verfallen, mit allem durchzukommen. Das beruht auf keinerlei Logik, denn keine Nation ist wirklich gewappnet oder in der Lage, einer katastrophalen Erderwärmung unbeschadet standzuhalten.

Bis jetzt haben Sie die Frage der Erderwärmung immer im Rahmen des Nord-Süd-Gefälles betrachtet. Aber spricht nicht auch einiges dafür, dass die Ungleichheit innerhalb von Ländern Fortschritte verhindert?

Auf jeden Fall! Ich glaube, dass gerade jetzt zwischen den Menschen aus aller Welt, aus dem Norden oder Süden, Osten oder Westen, eine große Solidarität besteht.

Der Mangel an Leidenschaft bei der Bekämpfung der Erderwärmung ist den Eigeninteressen der Industrie zuzuschreiben, für die Politiker lediglich die Schuhputzer sind. Die für die Industrie arbeitenden Politiker halten die Emissionen aufrecht und kümmern sich in ihrem Profitstreben nicht um Menschen und deren Leid. Im Einklang mit den vier- oder fünfjährigen Wahlperioden verfolgen sie nur kurzfristige Ziele. Und die Industrie beschäftigt sich ausschließlich damit, was sie ihren Aktionären erzählt.

Aber die Bürger und Bürgerinnen wollen Maßnahmen für den Klimaschutz. Bürgerinitiativen in aller Welt werden aktiv und versuchen, möglichst umweltschonend zu leben, aber das System untergräbt all diese Bemühungen. Dadurch entsteht eine Situation, in der sich die Bürger_innen mit den repressiven politischen Systemen in verschiedenen Ländern auseinandersetzen müssen. Sie müssen die erforderlichen Verbindungen herstellen, um dieses System zu überwinden, und die wahre Leidenschaft heraufbeschwören, die letztlich im besten Interesse für den Planeten und die Menschen ist.

Im Zusammenhang mit der fehlenden politischen Entschlossenheit kritisieren Sie häufig auch den sogenannten Techno-Optimismus. Was meinen Sie damit?

Die COP unterliegt immer wieder dem Trugschluss, dass Technologie das Problem lösen könne. Aber Technologie ist die Ursache des Problems und sie ermöglicht es, dass wenige Menschen, nämlich lediglich ein Prozent, die Kontrolle über den Rest der Menschheit ausüben. Jetzt streben sie mit Experimenten wie Geo-Engineering, Genom-Editierung und Kohlenstoffbindung auch die Kontrolle über den Planeten an. Das bedeutet unkontrolliertes Experimentieren, da die Mehrheit dieser Technologien keinerlei Regulierungen unterliegt. Industrie und Politik scheinen sich nicht um die langfristigen, möglicherweise irreversiblen Folgen zu scheren. Stattdessen treiben sie diese falschen Lösungen so schnell wie möglich voran, bevor jemand auf die Idee kommt, sie zu regulieren.

Die Suche nach technischen Lösungen zur Verhinderung der Erderwärmung ist vor allem deshalb so problematisch, weil sie ein Hemmschuh in der Denkweise der Verhandelnden und Politiker ist, was ausschließlich den Spekulanten und der Industrie zum Vorteil gereicht.

Das diese Denkweise verfestigende Narrativ muss hinterfragt und der Denkweise selbst entschieden entgegengewirkt werden, denn sie führt nicht nur zu Tatenlosigkeit in Bezug auf andere Maßnahmen, sondern auch dazu, dass diese sogenannten Lösungen weitere Probleme verursachen.

 Die Fragen stellte Daniel Kopp