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Die Welt nähert sich dem Abgrund, doch statt zu handeln, stecken wir den Kopf in den trockenen Sand. Warum weckt der mögliche Untergang der Menschheit so wenig Interesse?

Es gibt Geschichten, die verändern die Art und Weise, wie man die Welt sieht und versteht, und "Losing Earth" von Nathaniel Rich im Magazin der "New York Times" ist so eine Geschichte, Journalismus wie von einem anderen Stern: Auf einmal ist all das, was man eh wusste, in einer neuen Klarheit und Dringlichkeit greifbar, mit einem Knall wird deutlich, in der nicht nachlassenden Hitze dieser Wochen, was es bedeutet, im Zeitalter der Katastrophe zu leben.

Es wird Chaos geben und Kriege, es wird Millionen von Toten geben und Aufstände und Flucht und Vertreibung von ungeahnten Ausmaßen und ein Wegschauen und Grausamkeit und einen Verfall dessen, was wir als Zivilisation bezeichnen. Es wird Krankheiten geben, die Millionen von Jahren alt sind, eingeschlossen im Eis, zum Leben und zum Töten erweckt durch die Eisschmelze. Es wird die sechste Auslöschung geben, und es ist nicht klar, ob nicht der Mensch zu denen gehört, für die die Erde kein Ort mehr ist, auf dem sie leben können.

Bei fünf Grad droht das Ende der Menschheit

Das Tragische und Verstörende dabei ist, und das beschreibt Nathaniel Rich so gut: Es hätte verhindert werden können, das meiste jedenfalls. Die Grundlagen und Details der Erderwärmung waren bekannt, Ende der Siebzigerjahre spätestens, als in den USA ein paar wache Wissenschaftler die Bausteine zusammensetzten und sich an die Politik wandten und sogar Gehör fanden. Als Pläne gemacht wurden und Kommissionen gebildet wurden, als sich die Einsicht durchsetzte, dass die Verbindung von Mensch und Planet zunehmend toxisch war und es eine Lösung gab, die das Minimum war und ein Anfang, damals wie heute: ein radikaler und sofortiger Kohle-Stop.

Die Geschichte macht auch klar, dass das nicht reicht, damals nicht und heute nicht, um wenigstens eine Erwärmung von zwei Grad Celsius zu verhindern. Bei drei Grad, so Robert Watson, der früher für die Vereinten Nationen Lösungen für den Klimawandel, wie es verharmlosend heißt, suchte, werden die Küstenstädte der Welt verloren gehen, womöglich New York, Hamburg, Kalkutta, Bangkok und viele mehr. Bei vier Grad wird in Europa permanente Dürre herrschen, weite Teile Chinas, Indiens und Bangladeschs werden zu Wüsten, der Südwesten der USA wird unbewohnbar. Bei fünf Grad, so sagen es einige der führenden Wissenschaftler, droht das Ende der Menschheit.

Die Frage ist nun, und sie ist so naiv wie ernstgemeint: Warum wird davon nicht dauernd gesprochen?

Wie kann es sein, dass der Untergang der Menschheit so wenig Interesse erweckt und die Titelseiten sich in dieser Woche, wie in den Wochen und Jahren zuvor, eher mit der Partymetropole Berlin oder dem Elend der Patchwork-Familie beschäftigen als mit der im Grunde einzigen und überwölbenden und schrecklichen Realität unserer Zerstörung des Planeten? Wie kann es sein, dass mit magnetischer Intensität über Abschiebung und Asyl, über BAMF und drei bayerische Grenzübergänge diskutiert wird, während jeder Tag einer zu spät ist?

  • Die Antwort auf diese Frage ist dabei ziemlich klar, sie ist intellektuell, politisch und menschlich frustrierend. Es ist eine Antwort auf verschiedenen Ebenen, und die deprimierendste davon ist die der aktuellen Politik, die eben vor allem Politik- und Lösungs-Theater ist, ein Phantasma der Machbarkeit und Beherrschbarkeit, das sich in Begriffen wie "Obergrenze" abbildet. Die Unfähigkeit, die ja tatsächlich überkomplexen und womöglich unlösbaren Probleme der Erderwärmung und all dessen, was damit zusammenhängt, wenigstens zu benennen, ist so verständlich wie verstörend.

  • Eine andere Dimension der Antwort ist die aktive Verhinderung der Arbeit an Lösungen durch die neoliberale Revolution, auch davon berichtet Nathaniel Rich, wenn auch nicht so explizit, wofür er auch kritisiert wurde- die Wahl von Ronald Reagan 1980 änderte auch auf diesem Gebiet so gut wie alles, der Forschung wurde das Geld entzogen, die Industrie durfte Klimaschutzstandards definieren oder diktieren. Es war auch hier wie Trump 1.0, wobei die gegenwärtige massenindustrielle Untergangsstrategie der offensichtlichen amerikanischen Kleptokratie noch einmal verwerflicher ist, weil wir längst in dem Stadium sind, von dem die Wissenschaftler in den späten Siebziger- und frühen Achtzigerjahren noch als zukünftig sprachen: Wir leben im Zeichen des Endes.

  • Und das ist die dritte Dimension der Antwort auf die Frage, warum die existentielle Erderwärmung so wenig Aufmerksamkeit bekommt: eben weil sie so existentiell ist, das ist das Paradox der Katastrophe; sie ist zu groß, um sie wirklich zu begreifen. Die Klima-Krise, so hat es der indische Schriftsteller Amitav Ghosh in seinem Buch "Die große Verblendung" beschrieben, ist auch eine Krise der Kultur und vor allem eine der Imagination, der Vorstellungskraft, der Bilder, Visionen, der Sprache und der Geschichten. Die Literatur, das ist die These von Ghosh, scheitert daran, vom Untergang des Menschen zu erzählen, weil ihr die Erzählmuster und damit der rationale Rahmen fehlen.

Auch der Journalismus versagt

Das gleiche Versagen kann man dem Journalismus attestieren, der es mit ein paar Ausnahmen nicht geschafft hat, Formen zu finden, um diese Bedrohung wenigstens teilweise zu erklären, oft aus Scheu davor, in den in diesem Fall so notwendigen Aktivismus zu wechseln. Auch hier ist die Erklärung möglicherweise die fatale Kombination einer Entwicklung, die zugleich andauernd und zukünftig ist, und einer Verantwortung, die damit immer wieder delegiert werden kann und verdrängt, genauso wie die Schuld, die letztlich kaum individuell zugeordnet werden kann.

Obwohl der Philosoph Michel Serres schon einmal den Vorschlag gemacht hat, dass die Natur, in seinem Fall das Meer, die Möglichkeit bekommen sollte, die Menschheit vor Gericht zu verklagen.

Die Grundfragen bei all dem hat Nathaniel Rich, der auch als Romanautor und Essayist bekannt ist, gleich an den Anfang seiner Reportage gestellt: Wie wird diese Katastrophe unser Bild von uns selbst verändern, wie wir die Vergangenheit erinnern und uns die Zukunft vorstellen? Und vor allem: Warum haben wir uns das selbst angetan?