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Amerika im Rückzug, Europa zerrissen – und ein China, das immer mächtiger wird. Die alte Ordnung löst sich auf, doch welche Welt kommt auf uns zu? Beobachtungen einer Epochenwende auf vier Kontinenten.

Von Raphael Geiger, Marc Goergen, Jens König, Jan Boris Wintzenburg

westen china ohne stoerer

"Je mehr das Engagement der USA nachlässt, desto selbstbewusster tritt Russland auf, desto stärker wird China." Eindrücke des Wandels: Chinesische Demonstrantin (o.r.), Textilarbeiter in Ruanda (u.r.), Saudi-arabischer König Salman mit US-Präsident Donald Trump in Riad. ©Damon Higgins, Kristin Palitza/DPA

Wenn Christoph Heusgen im 21. Stock aus dem Fenster seines Büros in Manhattan guckt, macht er sich manchmal doch noch Hoffnungen. Auf der anderen Seite des East River, drüben in Queens, steht eine alte Fabrikhalle, an ihr hängt eine riesige Digitaluhr, deren Anzeige die Tage und Stunden bis Donald Trumps Ende rückwärts zählt. Eine Gruppe von New Yorker Künstlern hat die Uhr installiert. An diesem sonnigen Augustsonntag kann Heusgen die Ziffern genau erkennen: 848 Tage und 11 Stunden zeigen sie an, spätestens dann soll es mit dem Präsidenten Trump vorbei sein, dann endet seine erste Amtszeit.

Heusgen lächelt. "Mal sehen", sagt er, "vielleicht war's das mit Trump dann ja tatsächlich."

Todesstoß

Heusgen ist zu diesem Zeitpunkt gerade aus dem Urlaub zurückgekehrt. Er sitzt in weißen Jeans und blauem Poloshirt in seinem Büro in der deutschen UN-Vertretung in New York. Die letzten drei Wochen ist er quer durch die USA gefahren und mit mehr Fragen als Antworten zurückgekommen. Er hat viele Menschen getroffen, die von Donald Trump immer noch begeistert sind, das hat ihn verstört. Heusgen ahnt, dass diese Stimmung nicht einfach so vorbeiziehen wird, dafür ist das Land zu sehr in Aufruhr, immer noch. Er ist sich eigentlich auch im Klaren darüber, dass jede Hoffnung, Trumps Ende werde bald kommen, trügerisch ist. Und dass selbst dieses Ende den historischen Prozess, den Trump so beschleunigt, nicht umkehren könnte.

Zwölf Jahre lang war Christoph Heusgen Angela Merkels außenpolitischer Berater. Auf den Reisen an der Seite der Kanzlerin erlebte er, wie sich die Welt in dieser Zeit veränderte, wie die alte Ordnung mehr und mehr zerfällt.

Und wie ein Donald Trump ihr jetzt womöglich den Todesstoß versetzt.

Eine ehemalige Fabrik in Waterbury im US-Bundesstaat Connecticut. Die Stadt kämpft wie viele Orte im sogenannten Rustbelt mit dem Niedergang der Schwerindustrie – auch weil Stahl in Asien viel günstiger angeboten wird.

Eine ehemalige Fabrik in Waterbury im US-Bundesstaat Connecticut. Die Stadt kämpft wie viele Orte im sogenannten Rustbelt mit dem Niedergang der Schwerindustrie – auch weil Stahl in Asien viel günstiger angeboten wird. - ©Spencer Platt/Getty Images

Mindestens zwei Jahrhunderte lang haben Europa und die USA die Welt dominiert. Historisch gesehen war das eine Ausnahmesituation: Nie zuvor hatte eine so kleine Region so lange die Geschicke des Globus bestimmt, meist auf Kosten des großen Restes.

Begonnen hat der Aufstieg des Westens, da sind sich Historiker einig, mit der Fahrt von Christoph Kolumbus gen Amerika 1492. Das spanische und portugiesische Weltreich entstand, die Aufklärung entledigte die Wissenschaft der religiösen Fesseln, und spätestens als Großbritannien im Verlauf des 19. Jahrhunderts ein Viertel der Welt zu seinen Kolonien erklären konnte, stand die Vorherrschaft Europas nicht mehr infrage.

China, das bis dahin noch über das größte Bruttosozialprodukt verfügt hatte, fiel zurück, zerrissen von inneren Rivalitäten und unfähig zur Modernisierung. In den Opiumkriegen ab 1839 musste sich das Riesenreich der englischen Handelsdominanz ergeben. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhundert übernahm mit den USA ein entfernter Verwandter Britanniens das Zepter – die Dominanz des Westens blieb.

"America first"

Seit einigen Jahren aber beginnen sich die Gewichte zu verschieben. Die USA, beschleunigt durch den wirren Isolationismus Trumps, sind dabei, als dominierende Macht abzutreten. Europa, entzweit durch Krisen, zerrissen durch den Brexit, zeigt immer weniger Kraft und Willen zu gestalten. Die nun anbrechende Zeit, sie wird ungeordneter, multipolarer, stärker von autoritär regierten Staaten bestimmt und zugleich doch demokratischer – denn kann man etwa den derzeitigen Weltsicherheitsrat mit Großbritannien und Frankreich als Vetomächten demokratisch nennen?

Doch was bedeutet das für die Welt? Für Europa? Für Deutschland? Wie versuchen seine Politiker und Wirtschaftslenker, Einfluss zu nehmen?

Christoph Heusgen ist mittendrin in diesem Prozess. Seit 2017 sitzt er im Zentrum der inneren Zerstörung des Westens, in Trump-City, Manhattan, New York. Er vertritt sein Heimatland in der Organisation, die die alte Ordnung wie kaum eine andere repräsentiert: Heusgen ist Deutschlands Botschafter bei der Uno.

Ein Mann blickt auf die abendlich erleuchteten Wolkenkratzer in Peking. Wie die Hauptstadt haben sich alle größeren Städte Chinas in nur wenigen Jahren zu glitzernden modernen Metropolen entwickelt.

Ein Mann blickt auf die abendlich erleuchteten Wolkenkratzer in Peking. Wie die Hauptstadt haben sich alle größeren Städte Chinas in nur wenigen Jahren zu glitzernden modernen Metropolen entwickelt. - ©Linghe Zhao/Getty Images

Gerade hier sind die Erschütterungen der neuen Zeit spürbar. "Die USA sind nicht mehr der wichtigste Orientierungspunkt der Vereinten Nationen", sagt Heusgen. "Je mehr deren Engagement nachlässt, desto selbstbewusster tritt Russland auf, desto stärker wird China."

Zu Hause in Berlin versuchen sie, gesichtswahrend mit dem twitternden Erratiker im Weißen Haus und dessen "America first"-Doktrin klar zu kommen. In kleinerem Kreis beklagt Angela Merkel die Geschichtsvergessenheit Trumps. An den Chinesen wiederum schätzt sie die langfristige Planung. So richtet sich die Kanzlerin darauf ein, dass die Verschiebungen im transatlantischen Verhältnis auch zu einem Epochenbruch führen. Welcher Ausweg bleibt da für Deutschland?

Wiederaufstieg

"Europa", antwortet Christoph Heusgen, da ist er ganz auf der Linie der Kanzlerin. Europa müsse sich endlich emanzipieren, militärisch, politisch, technologisch, und auch in der Uno mit einer Stimme reden.

Heusgen sagt das, obwohl er gerade in der Weltorganisation immer wieder spürt, wie sehr man dort mit Europa, bei allen Hoffnungen, immer noch hadert, um wie viel größer hingegen die Erwartungen an Deutschland sind. Er war dabei, als sich im November 2016 der damals scheidende US-Präsident Barack Obama in Berlin von der Kanzlerin mit emotionalen Worten verabschiedete. "Sie ist nun ganz allein", hat Obama hinterher einem Vertrauten gesagt.

Nun ist auch ihr, Merkels, Scheiden in Sicht. Und Annegret Kramp-Karrenbauer, ihre mögliche Nachfolgerin als Kanzlerin, ist noch weit davon entfernt, als eine Anführerin des freien Westens zu gelten.

Christoph Heusgen ist Deutschlands Botschafter bei den Vereinten Nationen Christoph Heusgen ist Deutschlands Botschafter bei den Vereinten Nationen - ©Pacific Press/DDP

Heusgen bekommt so hautnah wie wenig andere mit, wie die Chinesen beginnen, ihre neue Stärke rücksichtslos durchzusetzen, beim Bestimmen von Tagesordnungen im UN-Sicherheitsrat etwa, aber auch in scheinbar nebensächlichen Angelegenheiten. Als Deutschland bei einem UN-Kongress über indigene Völker einen Uiguren als Redner anmeldete, protestierte China vehement. Die Chinesen unterdrücken die muslimische Minderheit brutal. Obwohl der vorgesehene Redner unbescholten und deutscher Staatsbürger war, intervenierte Chinas UN-Vertreter dreimal beim UN-Generalsekretär persönlich, am Ende allerdings vergeblich.

Chinas wachsender Wille, die Welt zu gestalten, geht weit über die Flure der Vereinten Nationen hinaus. Vielleicht werden Historiker zukünftiger Generationen nicht mehr 1918 oder 1989 als die entscheidenden Wegmarken des 20. Jahrhunderts sehen, sondern 1978. In jenem Dezember vor genau 40 Jahren verkündete Chinas damaliger Führer Deng Xiaoping, dass "es egal ist, ob eine Katze weiß ist oder schwarz. Solange sie Mäuse fängt, ist es eine gute Katze". Damit begannen Chinas Wirtschaftsreformen. Damit begann der Aufstieg, oder eigentlich: der Wiederaufstieg.

Kein Land der Erde ist schon so lange ein Staat wie China: seit mindestens 2000 Jahren. Die USA sind im chinesischen Geschichtsverständnis kaum mehr als einen Augenaufschlag lang als Nation präsent.

Triumphmomente

Für viele im Westen aber erscheinen Aufstieg und Dominanz ihrer Zivilisation noch immer als Vollendung der Menschheitsgeschichte. Auf die Entwicklung der Schrift folgt die Zähmung der Naturgewalten, dann die Überwindung totalitärer Ideologien, und schließlich bildet sich eine demokratische Gesellschaft heraus, die so attraktiv ist, dass kein anderes Modell sie jemals mehr ablösen kann. Von Plato zur Nato.

Der später als Historiker gefeierte Brite Arnold Toynbee erlebte als Achtjähriger auf den Schultern seines Onkels das Diamantene Thronjubiläum von Queen Victoria 1897. Abordnungen aus allen Teilen des Empires waren nach London gekommen, Husaren aus Kanada marschierten neben Gurkhas aus Nepal, es war einer der Triumphmomente des Westens. "Ich erinnere mich noch gut an die Atmosphäre", schrieb Toynbee später. "Es war so wie: Wir sind an der Spitze der Welt, und wir werden dort für immer bleiben. Es gibt natürlich so etwas wie Geschichte, aber das ist etwas Unerfreuliches, das nur anderen Völkern widerfährt."

Deng Xiaoping leitete Ende der 70er Jahre die Wirtschaftsreformen in China ein – und damit den Aufstieg des Landes Deng Xiaoping leitete Ende der 70er Jahre die Wirtschaftsreformen in China ein – und damit den Aufstieg des Landes - ©Imagno/Picture-Alliance

Großbritannien widerfuhr dann doch die Geschichte, das Empire ging zugrunde, doch im Überschwang des westlichen "Sieges" über den Kommunismus fabulierte der Philosoph Francis Fukuyama Anfang der 1990er Jahre erneut von einem "Ende der Geschichte". Jeder neue McDonald's in Russland schien der Beweis zu sein.

Doch die Geschichte kennt weder Ende noch Stopptaste, und dieser Tage ist die kommende Macht China dabei, die Welt zu gestalten. Chinesische Arbeiter und Ingenieure verlegen Schienen in Afrika und Asien, Chinas Staatsbanken locken erst und knebeln anschließend Schwellenländer mit Krediten, seine Politiker, allen voran Staatsführer Xi Jinping, schicken sich an, den USA auch die Meinungsführerschaft streitig zu machen. "China wird sich entwickeln mit einer weit geöffneten Tür", sagt Xi als Replik auf Trumps Protektionismus im Juli beim Treffen der Brics-Staaten, einem Zusammenschluss von Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika – die im Übrigen 40 Prozent der Weltbevölkerung repräsentieren. Die G7 dagegen? Gerade mal zehn Prozent. Auch in Deutschland greifen Investoren aus Fernost nach der Macht. Der Chinese Li Shufu besitzt mittlerweile zehn Prozent der Anteile von Daimler und ist damit mächtigster Einzelaktionär des wohl deutschesten Unternehmens.

"Milch und Honig"

Vielleicht aber ist nirgendwo in Europa der Einfluss der Chinesen so offensichtlich wie in der Wiege des Westens – in Griechenland. Woran das liegt, erklärte ein Abgeordneter der regierenden Linkspartei Syriza so: "Während die Europäer Griechenland behandeln wie Blutegel, bringen die Chinesen Geld ins Land."

Andreas Potamianos würde es vornehmer ausdrücken, aber er stimmt zu. "Wenn sie denn das Geld bringen", sagt er lachend. "Aber das werden sie." Der 84-Jährige fühlte sich immer als Europäer, sagt er, seine Heimat ist der Westen. Dann folgt das Aber. Von seinem Büro im sechsten Stock seiner Reederei überblickt er das Hafenbecken von Piräus. Direkt vor ihm legen die Kreuzfahrtschiffe an, daneben die Inselfähren, weiter hinten schließlich stehen Kräne für Containerschiffe. Immer mehr Kräne.

Seit 2016, seit der Hafen also dem chinesischen Staatskonzern Cosco gehört, wächst er so schnell, dass er in Europa jetzt schon an siebter Stelle liegt.

Li Shufu ist der größte Einzelaktionär beim deutschen Autobauer Daimler Li Shufu ist der größte Einzelaktionär beim deutschen Autobauer Daimler, ©Imago/Zuma Press

Piräus ist ein wichtiger Baustein des größten Infrastrukturprojekts aller Zeiten, des "One Belt One Road"-Plans. Mehr als 150 Milliarden Dollar jährlich will China in den kommenden Jahren in den Ausbau internationaler Handelswege investieren. Fast 70 Länder sollen durch den Bau neuer Eisenbahnen, Häfen und Straßen miteinander verbunden werden, eine neue Seidenstraße über Meere und Kontinente soll entstehen für eine Welt voller "Milch und Honig", wie es Staatsführer Xi Jinping formuliert.

Für eine Welt unter der Führung von China.

"Und wenn die Chinesen ein Programm haben", sagt Potamianos, "dann setzen sie es um."

Er hat die Reederei von seinem Vater übernommen, als einer der Ersten bot er Kreuzfahrten an. Die "Epirotiki Lines" fuhren von Piräus aus das östliche Mittelmeer ab. An Bord waren reiche Deutsche, Franzosen, Amerikaner. Die Griechen wollten damals unbedingt zum Westen gehören. In Potamianos' Büro stehen Fotos, die ihn mit Bill Clinton und Jimmy Carter zeigen. Griechenland kam in die EU und später in die Eurozone. Da fühlten sich die Griechen am Ziel. Und zu Hause.

Misstrauen

Niemand schaute nach China. Potamianos war nebenbei Präsident der Greece China Association, aber "China war weit weg", sagt er. Als der damalige chinesische Vizepremier und spätere Premierminister Zhu Rongji in den 90er Jahren nach Athen kam, begleitete ihn Potamianos durch die Stadt – aber er konnte dem Gast kaum Termine organisieren. Kein wichtiger Grieche interessierte sich für den Mann aus Peking. Das hat sich geändert.

"Die Chinesen hatten schon eine Vision für uns, bevor wir es merkten", sagt Potamianos. Als in Griechenland die Krise ausbrach, erkannten die Chinesen ihre Chance. Und während die Europäer, vor allem die Deutschen, zum Sparen mahnten und die Amerikaner sich heraushielten, trat China auf den Plan.

Der griechische Reeder Andreas Potamianos begrüßt die Investitionen der Chinesen Der griechische Reeder Andreas Potamianos begrüßt die Investitionen der Chinesen ©Picture-Alliance

Vielleicht ist es das, was China als Supermacht auszeichnet: eine Kombination aus langfristiger Planung und dem Instinkt, im richtigen Moment im großen Stil einzusteigen. So auch bei der sogenannten 16-plus-1-Initiative – 16 süd- und osteuropäische Länder plus China. Gezielt bietet Peking seit einigen Jahren diesen Staaten Investitionen und Kredite an, um die Front der EU aufzubrechen. "Sie warten lange, sie sind sehr vorsichtig", sagt Reeder Potamianos, "aber dann schlagen sie zu."

Seit Cosco der Hafen gehört, hat der Konzern dort 1650 Arbeitsplätze geschaffen, und die Chinesen bezahlen nicht schlechter als griechische Firmen. Vor nicht langer Zeit schlug der Hafen 600.000 Container im Jahr um, jetzt sind es 3,6 Millionen. Cosco baut in Piräus Kapazitäten für mehr als sechs Millionen. Das sind Container, die bisher in Häfen wie Hamburg und Rotterdam ankamen. Ein Grund, warum die Europäer das chinesische Engagement misstrauisch beobachten.

Die Griechen, das merkt man, genießen dieses Misstrauen, nach Jahren der Krise, in denen sie sich gedemütigt fühlten. Sie haben auch kein Problem mehr damit, dass gerade in Athen, wo die westliche Demokratie ihren mythologischen Ursprung hat, dass gerade hier dieser Westen aufbricht. Der Westen, zu dem sie immer unbedingt gehören wollten.

Keine politischen Differenzen

"Wir sind für die Chinesen das Tor zu Europa", sagt Andreas Potamianos mit Stolz in der Stimme. Von Piräus aus können die Container per Eisenbahn nach Nordeuropa gelangen, eine Zeitersparnis von zehn Tagen im Vergleich zur Seeroute. China ist deshalb auch interessiert an der Zugstrecke nach Ungarn – einem Land, das ebenfalls chinesische Investoren willkommen heißt.

Das Muster dahinter hat sich in anderen Teilen der Welt längst bewährt. China steigt auf und lässt seine Partner daran teilhaben, scheinbar zumindest. Ob eine Autobahn in Pakistan oder eine Eisenbahn in Kenia, alle Projekte finanzieren die Partner durch Kredite. "Die Vorhaben sind so groß und revolutionär, dass kleine Länder nicht widerstehen können", sagt Brahma Chellaney, Professor für Strategische Studien in Neu Delhi. "Sie nehmen wie Drogensüchtige immer neue Kredite auf."

Ein Containerschiff im Hafen von Piräus bei Athen. Der chinesische Staatskonzern Cosco übernahm den Hafen 2016 und baut ihn seitdem zu einem wichtigen Stützpunkt in Europa aus.

Ein Containerschiff im Hafen von Piräus bei Athen. Der chinesische Staatskonzern Cosco übernahm den Hafen 2016 und baut ihn seitdem zu einem wichtigen Stützpunkt in Europa aus. - ©Xin Hua/DPA

Für Kenia ist China in den vergangenen Jahren zum größten Gläubiger geworden. Aus Sri Lanka gehen inzwischen 95 Prozent aller Regierungseinkünfte direkt an chinesische Banken. Die haben dort unter anderem einen Flughafen finanziert. Den Airport durchliefen 2016 keine 5000 Passagiere – obwohl er für eine Million Reisende gebaut wurde.

Doch warum sollten die Regierungen in Athen oder Budapest noch auf Deutschland hören, wenn ihnen China zu schnellem Wachstum verhilft? Wenn sich ja auch die deutsche Fraport bei der Übernahme von griechischen Regionalflughäfen die Entschädigungen für die zu entlassenen Mitarbeiter angeblich vom klammen Staat ersetzen lässt? "China ist ein sehr guter Partner für uns", sagt der Reeder Potamianos, "wir haben keine politischen Differenzen."

Angeblich waren es denn auch die Chinesen, die den griechischen Premier Tsipras dazu brachten, Anfang 2016 das Flüchtlingslager Idomeni zu räumen. Tausende Flüchtlinge hatten an der griechisch-mazedonischen Grenze campiert, direkt an den Bahngleisen, der Verbindung von Piräus nach Norden. Und als die EU-Kommission die Menschenrechtslage in China kritisieren wollte, legte Griechenland sein Veto ein. Niemand in Athen bestreitet ernsthaft, dass dahinter politische Motive standen.

Ein Viertel der Weltbevölkerung

So geraten die Gewissheiten ins Wanken. Das Land der Akropolis als Trojanisches Pferd Pekings? Ein US-Präsident, der für Demokratie und Rechtsstaat wenig übrig hat? Ein chinesischer Staatsführer, der sich zum Verfechter des Freihandels emporschwingt? Begriffe wie "Erste Welt" oder "Dritte Welt", mit denen auch die meisten Deutschen aufgewachsen sind, verlieren an Bedeutung. In Botsuana werden mittlerweile 99 Prozent aller Geburten medizinisch betreut. Eine der am schnellsten wachsenden Airlines sitzt nicht in Frankfurt oder London, sondern im als Hungerland verschrieenen Äthiopien. Und Hollywood produziert mit Rekord-Blockbustern wie "Black Panther" und "Crazy Rich Asians" nicht mehr nur Filme für die weiße Mittelschicht, sondern zielt auf schwarze und asiatische Zuschauer, auch in deren Heimatländern.

Manchmal schaffen es Europa und die USA auch heute noch, die etablierten Muster aufrechtzuerhalten, etwa jenes, dass der Weltbank ein US-Amerikaner vorsitzt, dafür dem Internationalen Währungsfonds ein Europäer. Es war die Einigkeit Europas, die Christine Lagarde den Posten bescherte. Eine Einigkeit, ohne die der alte Kontinent keine Chance hat – die aber immer schwerer zu erreichen ist. "Verpasst Europa diesen geschichtlichen Augenblick, dann wird ihm nur noch eine letzte Wahl bleiben, die Wahl, von wem es abhängig sein will, von China oder den USA", schreibt Joschka Fischer. "Eine zweite Chance wird es für Europa nicht geben."

VW-Manager Thomas Schäfer (2. v. r.) und Ruandas Präsident Paul Kagame (2. v.l.) präsentieren den ersten in Kigali gefertigten Polo. Mit Carsharing-Modellen will VW in Afrika neue Märkte erobern.

VW-Manager Thomas Schäfer (2. v. r.) und Ruandas Präsident Paul Kagame (2. v.l.) präsentieren den ersten in Kigali gefertigten Polo. Mit Carsharing-Modellen will VW in Afrika neue Märkte erobern. - ©AFP/Getty Images

Wie herausfordernd es ist, sich an die neuen Realitäten der Welt anzupassen – aber eben auch: welche Chancen darin liegen, das zeigt ausgerechnet ein Konzern, dessen Praktiken in Tagen des Dieselskandals eher an die Welt von gestern denken lassen: Volkswagen.

Thomas Schäfer ist Manager bei VW, und er hat eine Vision für die Welt. Er sieht fabrikneue Limousinen auf glatten Straßen, die sich harmonisch durch die Landschaft winden, alle voll besetzt mit jungen Menschen. Doch alle Menschen in seinem Traum sind – schwarz. Die Straßen schlängeln sich durch Urwald oder Savanne. Und die Autos stammen aus Fabriken in Kigali oder Addis Abeba.

Die Wirtschaftswelt der Zukunft wird nicht mehr ausschließlich weiß sein, sie wird viele Hautfarben kennen, und vor allem eine: schwarz. Stellten 1950 Europa und Nordamerika noch etwa 28 Prozent der Weltbevölkerung, wird dieser Anteil bis 2050 auf 12 Prozent gesunken sein. Afrikaner hingegen werden dann ein Viertel der Weltbevölkerung stellen, und es werden vor allem junge Menschen sein – solche, die VW-Manager Schäfer als zukünftige Kunden sieht.

1984 begann VW in China

In der heraufziehenden Weltordnung wird das so lange vernachlässigte Afrika zu einer Schlüsselregion werden. Schon heute haben viele der 53 Staaten nichts mehr gemein mit dem Armutsbild, mit dem der Kontinent noch immer verbunden ist. Von Dakar bis Nairobi, von Kampala bis Johannesburg, allerorten wachsen Einkaufszentren, Reihenhäuser, werden Straßenbahnen gebaut – die Infrastruktur für eine wachsende Mittelschicht, die nicht länger Almosenempfänger sein will.

Dieser Wandel zeigt sich in kaum einem Staat so deutlich wie in Ruanda. 25 Jahre nach dem Genozid hat sich das Land unter der autoritären Führung des Präsidenten Paul Kagame zu einem Wirtschaftswunderland entwickelt – und zu einem der saubersten ohnehin: Plastiktüten etwa sind hier schon seit vielen Jahren verboten. Die Hügel der Hauptstadt Kigali zieren Designerrestaurants, von denen der Blick weit über das Auf und Ab des Lichtermeers geht. Wer von einem zum nächsten will, kann das Motorradtaxi dafür einfach per Smartphone-App bestellen.

"Wir haben ein völlig falsches Bild von Afrika", sagt denn auch Thomas Schäfer leidenschaftlich, als er an einem Morgen im Juli vor einem schicken fünfstöckigen weißen Gebäude in Kigali steht. "Afrika ist die Region mit dem meisten Nachholbedarf in Sachen Konsum", sagt er. Und präsentiert dann den passenden Ort dafür: den Ausstellungsraum des neuen VW-Werks in Kigali. Polos und Golfs sollen hier bald verkauft werden – "Made in Rwanda"

Die Plakate zu 'Black Panther' und 'Crazy Rich Asians'. Beide Hollywood-Filme zielten auf nicht-weiße Zuschauer und spielten Rekordergebnisse ein.

Die Plakate zu "Black Panther" und "Crazy Rich Asians". Beide Hollywood-Filme zielten auf nicht-weiße Zuschauer und spielten Rekordergebnisse ein. - ©Picture Alliance

Gleich hinter dem Verkaufsraum haben in einer Halle schon die ersten Mitarbeiter begonnen, Autos zusammenzuschrauben. Ein Polo steht zur Qualitätskontrolle in einem Lichttunnel. Es ist das erste Auto überhaupt, das hier im Land gebaut wird. Die Fertigung am Äquator ist Teil von Schäfers Plan, Afrika für den Volkswagen-Konzern zu erobern – und den Konzern so als Weltmarke zu erhalten. Addis Abeba statt Andernach, Daressalam statt Düsseldorf, das ist die Richtung.

Noch sind die Dimensionen bescheiden. Das im Juni eingeweihte Werk wird 2018 gerade 1000 Autos bauen. Sie kommen in vorgefertigten Bausätzen an, teilzerlegt in Karosserie samt Innenraum, Fahrwerk, Motor und Getriebe. Rund 20 Millionen US-Dollar will der Konzern in der ersten Runde investieren. "Ein kleiner Anfang", gibt Schäfer zu. "Aber genauso hat Volkswagen 1984 in China auch angefangen."

Vor Trump zu Kreuze kriechen

Mit genau dieser Argumentation überzeugte Schäfer vor zwei Jahren Konzernchef Herbert Diess in Wolfsburg. Vom Dienstsitz in Südafrika aus wurde Schäfer damals bei verschiedenen afrikanischen Botschaften vorstellig. "Ruanda war dabei die große Überraschung", erinnert er sich. "Ich war kaum wieder im Büro, da meldete sich die dortige Wirtschaftsbehörde und fragte, wann ich vorbeikäme." Auch Präsident Kagame schaltete sich sofort ein. Keine zwei Jahre später konnte die Fabrik den Betrieb aufnehmen.

Ruanda, das ist Schäfer klar, ist ein kleiner Markt: 3000 Neuwagen wurden im vergangenen Jahr hier verkauft. Deswegen will der Konzern die ersten Autos selbst betreiben: mit Carsharing für Unternehmen und einem Ride-Sharing-Angebot, ähnlich wie das von Uber. Das Kalkül: Danach kommen die Autos als Gebrauchtwagen in den Markt. Rund 1000 Mitarbeiter will VW erst mal beschäftigen. Analog zu US-Auto-Ikone Henry Ford glaubt Schäfer, dass ordentlich bezahlte Autoarbeiter am Ende selbst zu Käufern werden – oder zumindest zu Nutzern. Die App fürs Carsharing ließ VW übrigens von einem einheimischen Start-up programmieren. Die jungen Entwickler verblüfften den Großkonzern, als sie den Auftrag zur Hälfte der prognostizierten Kosten in der Hälfte der eingeplanten Zeit abarbeiteten.

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Das Ruanda-Engagement von Volkswagen ist bescheiden im Vergleich zu den milliardenteuren Werken, die noch immer anderswo entstehen. Viele deutsche Wirtschaftslenker tun sich schwer damit, ihre gewohnten Denkmuster infrage zu stellen. Noch immer erscheinen ihnen die USA als der entscheidende Markt. Und wenn das bedeutet, dass deutsche Automanager, wie gerade geschehen, vor Donald Trump zu Kreuze kriechen müssen, um Zölle zu verhindern, dann tun sie auch das. In den vergangenen zwei Jahrzehnten sank der Marktanteil deutscher Firmen in Afrika sogar von 14 auf fünf Prozent. Erst langsam wacht man auf. Neben Volkswagen hat auch Opel Afrika in den Blick genommen – die Konzernmutter Peugeot hat dort schon Erfahrung. Siemens will bis 2020 sein Auftragsvolumen in Afrika auf drei Milliarden Euro verdoppeln.

Paradox

Noch allerdings machen die Investitionen nur ein Bruchteil des Engagements von China aus. Während dessen Ingenieure Flughäfen und Kongresszentren bauen, während auch Indien, die nächste Weltmacht, das Terrain sondiert und ankündigt hat, 18 neue Botschaften dort zu eröffnen, während Afrikaner selbst inzwischen zu Zehntausenden als Händler nach Guangzhou in Südchina gezogen sind, um von dort ihre Heimat zu versorgen, verblassen an vielen Häuserwänden Afrikas langsam die Flaggen und Logos des alten Westens.

Der Süden handelt mit dem Süden, Amerika und Europa bleiben außen vor – auch das ist Teil dieser neuen Welt. "Es ist ein Paradox", schreibt der Historiker Paul Cohen, "die Menschen des Westens, die mehr als alle andere dazu beigetragen haben, unsere moderne Welt zu erschaffen, sind am wenigsten dazu in der Lage, sie wirklich zu begreifen."

Der Artikel über die neuesten Auswirkungen der Globalisierung ist dem aktuellen stern entnommen:

Von: Raphael Geiger ,  Jens König,  Jan Boris Wintzenburg und Marc Goergen