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Die 1986 stillgelegte Zeche Zollverein in Essen

Mit dem Jahr 2018 endet der Abbau und damit eine Ära der deutschen Industriegeschichte. Die 1986 stillgelegte Zeche Zollverein in Essen zählt heute zum Unesco-Welterbe. Foto: rtr

Die Mythen und Klischees werden bedient. Das geht wahrscheinlich gar nicht anders, wenn Deutschland den Steinkohlebergbau beerdigt. Wir werden Chöre mit alten Männern sehen, die „Glück auf, der Steiger kommt“ singen. Wir werden Kumpel sehen, die von der Kameradschaft unter Tage und von der harten Arbeit erzählen. Wir werden vermutlich einen Bergmann mit schwarzverschmiertem Gesicht und Tränen in den Augen sehen, der den letzten Kohlebrocken einem Politiker überreicht, vielleicht Kanzlerin Angela Merkel oder NRW-Ministerpräsident Armin Laschet (beide CDU).

Die offizielle und endgültige Abschlussfeier findet auf dem Gelände der Zeche Prosper-Haniel in Bottrop am 21. Dezember 2018 statt. Das ganze Jahr über wird der Abschied von der Kohle in Events zelebriert. Und wir werden Herbert Grönemeyers Song „Bochum“ ständig hören, die inoffizielle Ruhrgebietshymne: „Du hast’n Pulsschlag aus Stahl/man hört ihn laut in der Nacht/du bist einfach zu bescheiden/dein Grubengold/hat uns wieder hochgeholt …“

Kohle und Stahl von Rhein und Ruhr

Kohlebergbau im Ruhrgebiet – das ist so etwas wie die Genesis in der Geschichte der deutschen Industrie. Gut 200 Jahre lang wurde das „schwarze Gold“ in großem Stil abgebaut. Der Historiker Roland Günter schätzt, dass es insgesamt 3200 Zechen im Revier gab. Kohle und Stahl von Rhein und Ruhr, das waren beim ersten deutschen Wirtschaftswunder Ende des 19. Jahrhunderts und beim zweiten nach dem Zweiten Weltkrieg die wichtigsten Ingredienzien – nach der gängigen Geschichtsschreibung. Ende der 1950er Jahre schufteten fast 500.000 Bergleute hierzulande. Der Höhepunkt des Abbaus war indes das Jahr 1940, als fast 130 Millionen Tonnen gefördert wurden, um Hitlers Kriegsmaschinerie zu befeuern.

Gut

200

Jahre wurde Kohle in großem Stil abgebaut.

In diesem Jahr werden in den beiden noch aktiven Zechen – zu Prosper-Haniel kommt das Bergwerk Anthrazit Ibbenbüren – 3,6 Millionen Tonnen nach oben gebracht. Sie werden verbrannt, um vor allem Strom zu erzeugen. 200 Jahre lang hat sich der Steinkohlebergbau von Süden nach Norden durch das Ruhrgebiet gefressen. Dabei mussten die Stollen und Schächte immer tiefer gebohrt und gegraben werden. In Ibbenbüren schaben schwere Maschinen die Kohle in bis zu 1600 Metern unter der Erde ab.

Die Aufgabe der Bergleute besteht heute vor allem darin, die Maschinen zu steuern und zu reparieren. Es wird bei mehr als 30 Grad Hitze und extrem hoher Luftfeuchtigkeit gearbeitet, ständig wird Wasser versprüht, um den Kohlestaub zu binden. Der Beruf des Bergmanns hat immer noch etwas Heroisches. Ein Sprecher der Betreiberfirma RAG betont aber, dass heute die Zahl der Arbeitsunfälle extrem gering sei.

Das war früher anders. Grubenunglücke galten als unausweichliches Schicksal. Der Bergmannsgruß „Glückauf“ soll auch bedeuten, dass man dem Kollegen wünscht, nach der Schicht unversehrt wieder auszufahren. Doch auch der ganz normale Arbeitsalltag unter Tage war nicht gerade gesundheitsförderlich. Es wurde lange Zeit mit schweren Presslufthämmern in engen Flözen gearbeitet, auch über Kopf. „Da waren Wirbelsäulen, die konnte man röntgenologisch gar nicht mehr auf ein Bild kriegen, so krumm waren die“, so der Arzt und Kabarettist Ludger Stratmann in der WDR-Dokumentation „Schicht im Schacht“.

Detlev Spahn erzählt in dem Film: „Wenn Sie morgens ins Bad gingen und sich geräuspert haben, dann kamen da Klamotten raus, damit konnten sie die Straße teeren, so schwarz war das.“ Spahn hat fast ein halbes Leben lang im Bergbau gearbeitet. Er berichtet davon, wie die Kumpel nach Feierabend am offenen Fenster lagen und nach Luft japsten „wie ein Fisch auf dem Trocknen“. Wenn man den Mann mehrere Tage nicht am Fenster gesehen habe, dann habe man gesagt: „Der iss weg vom Fenster“. Todesursache: Steinstaublunge.

Infografik: Förderung von Steinkohle in Deutschland

Diese Zeiten seien längst vorbei, sagt der RAG-Sprecher. Die Steinstaublunge gebe es heute nicht mehr. Noch ein paar Monate lang wird im Pütt konsequent mit Staubmasken gearbeitet. Zu der extrem harten Arbeit kommt eine ganz spezifische Arbeiterkultur als ein weiteres wichtiges Element des Mythos. Die Taubenzucht und der Fußball an der frischen Luft als Gegenwelt. Profiklubs wie Schalke 04 und VfL Bochum pflegen noch immer das Image als Ruhrpott- und Malochervereine. Grönemeyer singt: „Du bist das Himmelbett für Tauben/und ständig auf Koks/hast im Schrebergarten deine Laube/machst mit ’nem Doppelpass/jeden Gegner nass/du und dein VfL …“

Vom 1. Januar 2019 an ist das alles nur noch Folklore. Viele Ökonomen werden das Ende der deutschen Steinkohle begrüßen. Schon in den Hochzeiten Ende der 50er Jahre war klar, dass sie nicht mehr mit dem Brennstoff von weither konkurrieren kann. Denn in Australien etwa kann Steinkohle mit gigantischen Maschinen im Tagebau gefördert werden. Doch eine große Koalition aus Managern und Gewerkschaftsorganisationen setzte Subventionen über Jahrzehnte durch. Die Gesamtsumme der staatlichen Förderung solle die Marke von 200 Milliarden Euro deutlich überschritten haben, so der Wirtschaftsforscher Manuel Frondel.

Da waren Wirbelsäulen, die konnte man röntgenologisch gar nicht mehr auf ein Bild kriegen, so krumm waren die.

Ludger Stratmann, Arzt und Kabarettist

In diesem Jahr erhält die RAG noch einmal 1,2 Milliarden Euro. Mit dem Geld wird der Preis für deutsche Steinkohle auf Weltniveau gedrückt, damit Kraftwerksbetreiber sie der RAG abkaufen. Der Brennstoff, der in 1600 Meter Tiefe unter Ibbenbüren gefördert wird, kostet um die 150 Euro pro Tonne. Auf dem Weltmarkt ist Steinkohle aktuell für 54 Euro zu haben. Jeder RAG-Arbeitsplatz wird mit mehr 100.000 Euro pro Jahr gefördert. Es heißt, es wäre billiger gewesen, die Kumpel fürs Spazierengehen über Tage zu bezahlen als fürs Arbeiten unter Tage.

Für die RAG ist Ende 2018 die Arbeit indes längst nicht getan. Das Unternehmen kümmert sich um die Folgen des Buddelns nach dem schwarzen Gold, etwa wenn Gebäude einstürzen oder Straßen absacken. Noch viel aufwendiger sind die sogenannten Ewigkeitsaufgaben. In dem riesigen System aus Schächten und Stollen unter dem Ruhrgebiet sammelt sich vielfach in einer Tiefe von 1000 Metern und tiefer belastetes Grubenwasser, es muss ständig abgepumpt werden, damit es nicht mit dem Grundwasser zusammenfließt, das sich in höheren Gesteinsschichten befindet. Die RAG taxiert die gesamten Ewigkeitskosten auf 220 Millionen Euro jährlich. Das Geld dafür kommt von der RAG-Stiftung. Diese wiederum ist Großaktionär des börsennotierten Mischkonzerns Evonik. Das Kapital der Stiftung stammt aus dem Verkauf von Evonik-Anteilen und Dividenden.

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Und über Tage? Seit Jahren laufen großangelegte Projekte, um neue Nutzungsformen für die Zechengelände zu schaffen. „Du hast den Ruß abgewaschen/und deine Öfen sind kalt/doch deine Zechen sind voll Leben/hier wird getanzt, gelacht/das Morgen ausgedacht/gefördert wird, was lebt …“, lautet eine Zusatzstrophe von „Bochum“, die die Bochumerin Ursula Tharr gedichtet hat.