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Nachhaltigkeit Nachhaltigkeit Der kleinere Teil der Menschheit lebt seit Jahrzehnten über seinen Verhältnissen: Er verbraucht viel mehr Ressourcen, als ihm zustehen und verträglich ist.  (Foto: AP)
  • Auf freiwilligen Verzicht zu setzen, ist naiv und fahrlässig.
  • Die Bereitschaft zu Veränderungen ist da, doch es fehlen Regeln.
  • Die Politik muss stärker eingreifen, nicht nur mit Verboten, sondern als Planer, Vermittler und Entscheider.

Ein Zug rast auf den Abgrund zu. Man kann ihn noch bremsen, doch die Lokführer tun es nicht. Weil sie die Gefahr der Situation nicht erkennen, weil sie glauben, der Abgrund sei weit entfernt und sie müssten noch nicht reagieren. Doch der Bremsweg des Zuges ist lang, und der Abgrund rückt näher und näher.

Mit dieser Metapher lässt sich der Zustand von Erde und Menschheit beschreiben. Der Abgrund ist die drohende Klima- und Umweltkatastrophe, die Lokführer sind die Entscheider aus Politik und Wirtschaft - und die Passagiere in den Wagen sind Milliarden Menschen, die darunter leiden werden, wenn der Zug nicht gebremst wird. Dafür bleibt nicht mehr viel Zeit.

Der kleinere Teil der Menschheit lebt seit Jahrzehnten über seinen Verhältnissen: Er verbraucht viel mehr Ressourcen, als ihm zustehen und verträglich ist, er beutet Natur und Meere gnadenlos aus, verursacht irreparable Schäden - zulasten künftiger Generationen. Doch wird der Umweltschutz in die Waagschale mit ökonomischen Interessen geworfen, sind es allzu oft letztere, die schwerer wiegen, gegen jede Vernunft.

Viele Menschen, auch in Deutschland, sind sich der verheerenden Folgen dieses Verhaltens bewusst, doch sie fühlen sich ohnmächtig. Sie wissen nicht, wie sie effektiv handeln können und versuchen es erst gar nicht. Was im Alltag oft fehlt, ist ein geeigneter Ordnungsrahmen, um es anders und besser zu machen. Was die Gesellschaft braucht, sind verbindliche Regeln, um dem zerstörerischen Konsumverhalten Grenzen setzen. Sie braucht Anreize zum Maßhalten und für einen verantwortungsvollen Lebensstil. Mit Verboten allein, etwa von klimaschädlichen Dieselautos, ist es da nicht getan.

Selbst Firmen wünschen sich radikalere Vorgaben

Für einen tief greifenden Wandel sind deutliche Signale aus Politik nötig. Doch die scheut sich, zu ordnen und zu regulieren. Sie schiebt Bürgern eine Verantwortung zu, der jeder für sich genommen nicht gerecht werden kann. Verbraucher sollen sich moralisch richtig verhalten und auf schädlichen Konsum verzichten - am besten freiwillig. Dieser Ansatz mag in vielen Bereichen des Lebens richtig sein. Wenn es aber darum geht, eine globale Klima- und Umweltkatastrophe zu verhindern, versagt er. Wer etwa vollständig auf Plastik im Alltag verzichten will, um das Müllproblem zu entschärfen, stößt schnell an Grenzen. Die wenigsten Lebensmittel und Konsumprodukte gibt es ohne Verpackung. Solang das ganze System des Handels samt Vorschriften darauf beruht, dass alles verpackt wird, am besten in mehreren Schichten, wird sich wenig ändern.

Mehrwegverpackungen und andere umweltfreundliche Lösungen werden sich nur dann richtig durchsetzen, wenn diese zum allgemein gültigen Standard werden. Aufgabe der Politik ist es, solche Vorgaben und Ziele zu definieren, gemeinsam mit Produzenten, die sie dann erfüllen, und Verbrauchern, die dann richtig handeln können. Die Plastikmüllstrategie der EU ist ein erster Schritt in diese Richtung, bleibt aber in vielen Punkten viel zu vage.

Selbst Unternehmen wünschen sich mittlerweile radikalere Vorgaben der Politik. Laut einer Umfrage der Vereinten Nationen und der Unternehmensberatung Accenture wollen dies acht von zehn Managern - befragt wurden 1000 Firmenchefs in 100 Ländern. Das Anliegen hat einen guten Grund: "Wenn die Richtung vorgegeben ist, kann selbst der härteste Konkurrenzkampf die Transformation zur Nachhaltigkeit fördern", erklärt Michael Kopatz, Umweltwissenschaftler am Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie. Der Autor des Buchs "Ökoroutine" fordert ein radikales Umdenken in Politik und Wirtschaft. Nicht Wachstum soll der alles bestimmende Standard sein, sondern der Schutz von Klima und Umwelt.

Dass dies gelingen kann, zeigt etwa die Ökodesign-Richtlinie der EU, die zum Ziel hat, Elektrogeräte langlebiger und effizienter zu machen. Diese Vorgaben wurden von Industrie, Ökoverbänden und EU-Kommission gemeinsam entwickelt. Klagen aus der Wirtschaft gab es kaum. Gleiche Regeln und Anreize für alle, das schafft faire Wettbewerbsbedingungen.

Wenn der Nachbar das Gegenteil macht

Die klares Bekenntnis zu Umwelt- und Klimaschutz braucht einen Rahmen, der allgemein gültig ist, sodass sich der Einzelne nicht benachteiligt fühlt. Was nützt es, das eigene Auto stehen zu lassen oder ganz abzuschaffen, wenn der Nachbar gleich mehrere hat und selbst für den Weg zum Bäcker um die Ecke den Motor startet?

Allzu oft drücken sich die Regierenden, allen voran die in Berlin, um diese Verantwortung. Vor allem dort, wo es weh tut, wie sich im Fall der deutschen Autoindustrie zeigt. Anstatt VW, Daimler, BMW und Co. zu verpflichten, deutlich schadstoffärmere und energiesparende Fahrzeuge zu bauen - was längst hätte passieren sollen -, müssen Dieselfahrer nun wie in Hamburg mit Fahrverboten rechnen. Das Problem wird nicht dort behoben, wo es "gebaut" wird, sondern am anderen Ende, beim Verbraucher. Das ist nicht nur ungerecht, sondern auch fatal. So bleibt das ehrgeizige Klimaziel Deutschlands, bis 2050 weitgehend treibhausneutral zu sein, in weiter Ferne. Einen konkreten, detaillierten Plan, wie es erreicht werden kann, bleibt die Bundesregierung bis heute schuldig.

Dass das 4000-Euro-Geschenk vom Staat beim Kauf eines E-Autos bisher nicht den gewünschten Erfolg zeigt, ist da wenig überraschend. Solang eine massentaugliche Infrastruktur fehlt und unklar ist, welche Technologie sich durchsetzen wird - Brennstoffzelle oder Batterie -, fehlt Autoherstellern und Autofahrern die Sicherheit beim Planen und Investieren. Hier muss sich die Politik einschalten, nicht nur mit Verboten, sondern vor allem als Planer, Vermittler und Entscheider.

Vor diesem Hintergrund mutet auch der Streit um Fahrverbote, blaue Plaketten und Feinstaub geradezu absurd an. Das alles sind Nebenkriegsschauplätze, die vom Wesentlichen ablenken, nämlich den Fragen: Wie lässt sich das Verkehrsaufkommen auf ein erträgliches, schadstoffärmeres Maß begrenzen? Wie können Diesel- und Benzinmotoren bis in zehn, fünfzehn Jahren weitgehend aus dem Verkehr gezogen werden, und was sind die Alternativen? Dies ist unerlässlich, denn fossile Brennstoffe sind eine der Hauptursachen für die Klimaerwärmung.

Nicht wachsen, sondern Grenzen setzen und maßhalten, muss daher das Motto der Zukunft lauten. Warum immer noch mehr für den Ausbau des individuellen Straßenverkehrs ausgeben? Satte 130 Milliarden Euro will der Bund in den nächsten 15 Jahren in den Ausbau und in die Modernisierung von Straßennetzen stecken - verschwendete Milliardeninvestitionen. Geld, das an anderer Stelle sinnvoller eingesetzt wäre, etwa bei öffentlichen Verkehrsmitteln. Welchen Sinn hat es zudem in München, eine dritte Startbahn zu bauen? Wo doch eigentlich jedem klar sein müsste, dass der Flugverkehr eine kritische Grenze erreicht hat, dass Tickets in der Regel viel zu billig sind, weil der Preis nur einen Teil der tatsächlichen Kosten enthält und der Rest von der Allgemeinheit getragen werden muss.

Grundsätzlich zu niedrig kalkuliert sind auch die Preise für Lebensmittel und andere Agrarerzeugnisse. Kosten für überdüngte Böden, verschmutztes Wasser und der Verlust der Artenvielfalt bleiben unberücksichtigt. Mit den gerade vorgestellten Vorschlägen für die nächste Agrarreform verspielt die EU die große Chance, hier neue Anreize zu setzen. Anstatt Landwirte dafür zu belohnen, dass sie möglichst wenig Pestizide einsetzen, maßvoll düngen und die Artenvielfalt fördern, soll das Geld weiterhin vor allem nach dem Gießkannenprinzip verteilt werden - von Ökoroutine kaum eine Spur.

Dabei wäre genau das dringend notwendig. Der regenerative Umgang mit Umwelt und Ressourcen muss in allen Bereichen der Wirtschaft zum Standard werden. Auch die Wissenschaft muss hier endlich ihren Beitrag leisten. Viele Ökonomen sind in alten Denkmustern gefangen. Wachstum gilt nach wie vor als Erfolgskriterium schlechthin, Umweltschutz wird dagegen als Störfaktor empfunden - geradeso, als könnten Volkswirtschaften und Firmen über unbegrenzte Ressourcen verfügen.

Die Ökonomie muss mit dem Wachtumsdogma brechen

Eine jüngere Generation von Forschern begehrt gegen diese rückständigen Dogmen auf, so etwa die britische Ökonomin Kate Raworth, die in Oxford und Cambridge lehrt. Ihr Modell der Donut-Ökonomie sorgt derzeit für Zündstoff in der Zunft, weil es mit den alten Idealen bricht. Der Donut-Ring - abgleitet von der Form des gleichnamigen Gebäcks - definiert eine Grenze, eine innere Zone, in der sich die Menschheit auf lange Sicht sicher bewegen kann. Er steht für ein Wirtschaftssystem, das Grenzen respektiert und auch ohne Wachstum gut funktioniert.

Bei diesem radikalen Ansatz werden die Grenzen des Planeten konsequent in wirtschaftliches Handeln eingerechnet. In jedes Auto, Handy oder Kleidungsstück müssen die Kosten einfließen, die anfallen, um Gewässer, Luft, Böden, Wälder, Rohstoffreserven und Menschen zu schützen. Nur so lässt sich die Lebensgrundlage künftiger Generationen sichern. Für Firmen bedeutet dies: Nur wer verantwortungsvoll wirtschaftet, wird langfristig Erfolg haben.

Viel Zeit bleibt für diese Wende nicht mehr. "Wir steuern im Irrsinnstempo auf eine unbeherrschbare globale Situation zu", warnt der bekannte deutsche Klimaforscher Hans Joachim Schellnhuber. "Wenn wir nicht radikal umsteuern, fahren wir die Zivilisation an die Wand."

Große Landflächen sind vom Abschmelzen der Polkappen bedroht. Laut Weltbank wird das Aufheizen der Erdatmosphäre bis 2050 mindestens 150Millionen Menschen zur Flucht zwingen, weil der Boden unter ihren Füßen in den Fluten der steigenden Meere versinkt - und das ist eine vorsichtige Schätzung. Bei schlechteren Prognosen sind bis zu 800 Millionen Menschen gefährdet. Betroffen sind nicht nur kleine Inselgruppen wie die Malediven oder die Fidschis, sondern auch Megastädte wie Shanghai oder New York.

All dies sind triftige Gründe, um endlich ein Wirtschaftsmodell zu etablieren, das den Planeten nicht zerstört. Nur wenn möglichst viele Menschen dieses Ziel verfolgen, kann aus gutem Willen auch eine gute Tat werden. Dafür braucht es Politiker, die rasch und beherzt entscheiden.